
Filminfos: http://www.imdb.com/title/tt0803100
Kino: Matthäser (München)
Trailer:
Kritik:
Es beginnt schwindelerregend, fast wie in Hitchcocks „Vertigo“ (fd 7835). Mit dem Unterschied, dass heller Tag herrscht und ein Kind mitten im Ruhrgebiet an der Regenrinne hängt. Hannes hat eine Mutprobe zu bestehen, um in die Kindergang der „Krokodile“ aufgenommen zu werden. Der Initiationsschmuck, ein Anhänger mit einem Krokodil-Motiv, ist am Dachfirst einer alten Ziegelei befestigt. Unten drücken die „Krokodiler“, so der gruppeninterne Slang, die Daumen, oben arbeitet sich der Prüfling von Ziegel zu Ziegel. Auf dem Rückweg rutscht der Junge aus, Dachziegel brechen, Hannes taumelt über dem Abgrund. In letzter Sekunde breitet die herangeeilte Feuerwehr das Sprungtuch aus. Maria, das einzige Mädchen in der Bande, wundert sich: zeigte ihr Handy, mit dem sie Hilfe rufen wollte, doch ein Funkloch an. Wer war der heimliche Retter? Der Jugendroman „Vorstadtkrokodile“ von Max von der Grün (1926-2005) ist über 30 Jahre alt. Kurz nach seinem Erscheinen kam Ende 1977 eine erfolgreiche Version ins Fernsehen. Regisseur Christian Ditter hat den Stoff geschickt an heutige Verhältnisse angepasst. War in den 1970er-Jahren die komplette Familie noch Standard, lebt Hannes nun mit seiner alleinerziehenden Mutter zusammen. Die ist keine Hausfrau mehr, sondern Kioskbetreiberin und nebenbei Studentin. Auch die Zusammensetzung der „Krokodiler“ wurde einer Generalüberholung unterzogen. Anders als in Grüns Roman mischt ein Junge namens Elvis mit, der leicht autistische Züge aufweist, und der Grieche Jorgo komplettiert die Truppe. Trotzdem ist das Sujet „Ausländerfeindlichkeit“ nicht aus der Kinoversion verschwunden. Die Ressentiments, zentrales Thema der Vorlage, haben sich auf andere Bevölkerungsgruppen verlagert. Die Italiener oder Griechen von damals sind die Albaner von heute. Geschärft wurde gegenüber dem Roman der Eindruck, dass die Clique eine Gemeinschaft aus Außenseitern darstellt (und deshalb gegenseitige Vorurteile wohl spielerisch überwinden kann). Olli spürt die Einsamkeit des Anführers, Maria muss sich als einziges weibliches Mitglied durchsetzen, Peter stottert, Frank ist zwischen Gruppe und Familienräson hin- und hergerissen. Am schwersten tut sich Kai, der im Rollstuhl sitzt. Vom Fenster seines Kinderzimmers aus wurde er via Teleskop Zeuge von Hannes’ Mutprobe; er war es, der die Feuerwehr rieft. Hannes bedankt sich bei seinem Lebensretter und schließt spontan Freundschaft mit dem behinderten Jungen. Er will, dass auch Kai ein „Krokodiler“ wird, was auf Widerstände in der Gruppe stößt. Auch die zentrale Figur des Kai (im Roman heißt er Kurt) wurde im Drehbuch modifiziert. Im Roman macht er eine deutlichere Entwicklung durch, muss seine Courage erst entdecken. Im Film lernt man einen selbstbewussteren Jungen kennen, der via Webcam Kontakt mit seinen behinderten Freunden hält. Seine Mutter möchte, dass ihr Sohn eine Förderschule für Körperbehinderte besucht, doch Kai fühlt sich zu den „Normalos“ hingezogen. Als er Augenzeuge eines nächtlichen Einbruchs wird und viel Spürsinn beweist, horchen auch die Skeptiker in der ins Detektiv-Fach wechselnden Bande auf. Wenn Kai später den mit Feuerwerkskörpern aufgerüsteten Rollstuhl in ein Turbo-Gefährt verwandelt, das ihm die Flucht vor drei jugendlichen Widersachern ermöglicht, flippt der Film vielleicht zu sehr Richtung Teenie-Film aus. Aber die ernsthaften Anliegen der Buchvorlage werden mit solchen Actionsequenzen nicht überdeckt, nur unterhaltsamer verpackt. Ein „Spielbergsches“ Intermezzo in der abbruchreifen Ziegelei zählt ebenfalls zu den erträglichen Konzessionen an die Popcorn-Fraktion. Erfreulich, wie diszipliniert sich „Stars“ wie Axel Stein, Nick Romeo Reimann sowie Maria Schrader und Nora Tschirner ins Ensemble einfügen. Eine Entdeckung ist Fabian Halbig als rundum überzeugender Kai. Der Schlagzeuger der Punk-Rock-Band Killerpilze spielt hier seine erste Kinorolle. Ein Kabinettstück auf dem Rasen des Minigolfplatzes liefert Martin Semmelrogge als zunächst grantelnder, dann vor der kindlichen Chuzpe kuschender Platzwart. In der 1977er-Version war er noch als junger Gauner zu sehen, den Minigolfplatz-Besitzer spielte sein Vater Willy Semmelrogge. Dass selbst die Polizei glaubt, albanische Kinder steckten hinter den Diebstählen, macht die Lage für Kai und seine neuen Freunde schwierig. Bald erhärtet sich Kais Verdacht, dass ausgerechnet der große Bruder von Mit-„Krokodil“ Frank die Diebe anführt – einer ohne Migrationshintergrund! Offensichtlich sind es die älteren Nachbarjungen, die ein geheimes Warenlager in der alten Ziegelei angelegt haben. Die Zeitungsnachricht von der anstehenden Sprengung der Ziegelei bringt die „Krokodiler“ auf den Plan. Sie wissen, dass die Gauner ihr Diebesgut in Sicherheit bringen müssen. Ein packende Showdown rundet die filmisch tadellos erzählte Geschichte ab. Die Krokodil-Plakette gebührt deshalb künftig auch Christian Ditter und seinem mobilen Kameramann Christian Rein. Die neuen „Vorstadtkrokodile“ beweisen, wie gut sich Max von Grüns Appell zur Integration und Aufmerksamkeit noch immer für die Leinwand eignet. Es lohnt sich überdies auch, den Roman noch einmal zu lesen. Jens Hinrichsen (Film Dienst 07/2009)

